Cushioning - der neue Beziehungstrend?

Für schlechte Zeiten gut vorgesorgt

Zuletzt bin ich zufällig über den Begriff "Cushioning" gestolpert. Übersetzt bedeutet das englische Wort cushion "Polster". Gemeint sind damit zwei Dinge: Jemand pflegt neben seiner festen Beziehung noch Kontakte zu weiteren potentiellen Partnern. Wenn es mit der Partnerschaft nicht mehr klappt, dann gibt es schon jemand anderen, der den freien Platz einnehmen kann.

 

Es kann sich dabei auch um Dates handeln. Es werden verschiedene Personen gedatet, die davon ausgehen können, dass daraus eine feste Beziehung entsteht, was aber wahrscheinlich nicht passieren wird.

 

In der letzten Zeit bin ich in persönlichen Gesprächen und in Beiträgen in den sozialen Netzwerken immer wieder damit konfrontiert worden, dass niemand mehr verbindliche Beziehungen eingehen möchte. Viele geben vor, etwas zu sein, das sie in der Realität nicht sind. Ehrlichkeit, Vertrauen, Verbindlichkeit oder Nähe scheinen heute nicht mehr den Stellenwert wie früher zu haben.  Sind die sozialen Netzwerke und Datingportale zum Aufbau einer Beziehung eher Fluch oder Segen?

In diesem Blog möchte ich auf den Trend eingehen, mehrere Personen zu daten.

Wieviele dürfen es heute sein?

Da es heute einfacher und schneller möglich ist, Kontakte zu potentiellen Partnern herzustellen, kann vielleicht der Eindruck entstehen, dass sich Frau oder Mann nicht mehr so viel Mühe geben. Wenn es nicht klappt, dann drücke ich eben auf den nächsten Knopf und schon ist Ersatz da. Bestimmt ist heute einigen die Fähigkeit oder der Willen dazu verloren gegangen,  eine Person kennenzulernen und sich näher auf sie einzulassen. Vielleicht gibt es Angst, sich fest zu binden,

z. B. aufgrund schlechter Erfahrungen. Eventuell sucht die Person nach Bestätigung und Anerkennung durch Kontakte mit mehr als einer Kandidatin oder einem Kandidaten. Oder es fällt ihm/ihr schwer, sich zwischen zwei oder mehreren Personen zu entscheiden.

 

Ab wann müssen wir uns überhaupt entscheiden? Ich finde es absolut legitim, in der Anfangsphase des Kennenlernens, z. B. über ein Portal, mehrere Kontakte parallel zu pflegen. Idealerweise gehen alle Beteiligten offen damit um. Und dann finden beide Seiten erst einmal heraus, welche Übereinstimmungen es gibt und ob es zu einem Treffen kommen kann. Wir sind alle freie Menschen. Sogenannte Besitzansprüche, die auch in einer festen Partnerschaft fehl am Platz sind, bereits in dieser frühen Phase zu erheben, fühlt sich für mich völlig falsch an.

 

Besonders Frauen reagieren allergisch darauf, wenn Männer mit mehreren Frauen gleichzeitig schreiben. Wenn er überhaupt die Gelegenheit dazu hat. Für Männer ist es so viel schwieriger, Kontakt zu Frauen herzustellen, weil das Angebot einfach viel geringer ist. Warum soll er dann nicht seine Chancen wahren, wenn sie sich ihm bieten? Irgendwann wird sich herauskristallisieren, welche die Richtige für ihn sein könnte. Wir Frauen möchten aber bereits von Beginn an das Gefühl haben, die Einzige im Datingleben dieses Mannes zu sein. Obwohl wir selber noch nicht wissen, ob und wie es weitergeht.

Wie du mit Cushioning umgehen kannst

Niemand möchte sich als "Polster" ausnutzen lassen. Und wenn du merkst, dass dir das passiert, dann solltest du das nicht akzeptieren, sondern die Siutation offen ansprechen und klare Grenzen ziehen.

Andererseits Hoffnungen zu wecken oder Versprechungen zu machen, die nie eingehalten werden, ist wenig wertschätzend und ein No-Go. Wenn eine Beziehung schon mit Lügen und missbrauchtem Vertrauen beginnt, dann kannst du es gleich lassen.

 

Wie kannst du vermeiden, dass du zum Cushioning-Opfer wirst?

 

Im ersten Schritt gibst du die Schuld dafür nicht mehr den äußeren Umständen. Auch wenn dieser Ansatz für dich neu ist - alles was dir im Leben begegnet, hat auch etwas mit dir zu tun. Gerade im Zwischenmenschlichen. Angenommen, du erfährst, dass die Person, mit der du in Kontakt stehst (vielleicht habt ihr euch auch schon getroffen), sich parallel auch noch mit anderen trifft. Egal, wie weit ihr euch schon angenähert habt, du fühlst dich verletzt und unfair behandelt. Jetzt stell dir bitte zum Beispiel folgende Fragen: Wann in deinem Leben oder in welchen Situationen hast du dich zusätzlich abgesichert? Wann hast du dir schonmal ein Hintertürchen offen gehalten? Oder hast du dich bereits in der Vergangenheit als nicht genügend gefühlt? Kannst du dich selber nicht immer für das ein oder andere entscheiden? Ich könnte diese Frageliste endlos weiterführen. Sei ehrlich zu dir und schau, welche Gefühle die Situation in dir auslöst.

 

Im zweiten Schritt geht es um eine offene und klare Kommunikation. Geh mal davon aus, dass dein Wunschkandidat/deine Wunschkandidatin auch Kontakte zu anderen pflegt. Das ist die Regel. Wenn du merkst, dass dir der Mensch wichtig sein könnte, dann sprich ihn drauf an. Und mach deinen Standpunkt dazu klar. Egal, wie der aussieht.  In einem Gespräch findet ihr bestimmt heraus, was die Beweggründe dafür sein könnten. Und ihr könnt erklären, wie ihr euch damit fühlt. Hast du das Gefühl, dass dein Gegenüber nicht ehrlich zu dir ist, dann zieh Konsequenzen. Du musst dir nicht alles gefallen lassen.

 

Wir sind gesellschaftlich so geprägt, dass es zu einem Zeitpunkt nur einen Partner in unserem Leben geben darf. Ob das für dich so stimmt, darfst du selbst heraus-finden und dich jederzeit umentscheiden. So lange ihr euch jedoch noch nicht in einer Beziehung befindet und ehrlich miteinander seid, hat jeder das Recht auf mehrere Kontakte.

Fazit

Bindungsängste, die Angst vor dem Alleinsein, Verlustängste - das alles können Gründe für Menschen sein, Cushioning betreiben. Oftmals steckt nicht mal Vorsatz dahinter. Trotzdem ist es nicht zu entschuldigen.

 

Was führt Menschen heute dazu, sich nicht mehr ganz auf eine Person einlassen zu können? Wieso können viele nicht mehr alleine sein, sondern rutschen von einer Beziehung direkt in die nächste? Wo ist die Fähigkeit, sich verbindlich für etwas oder für jemanden zu entscheiden? Ist es einfacher, sich in der Anonymität des Internets zu verstecken?

 

Ich möchte diese Frage gerne an euch weitergeben, weil ich glaube, dass es sich bei diesem Problemkreis um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, das sich nicht nur in Partnerschaften sondern auf unterschiedlichen Ebenen zeigt.

 

Lasst uns darüber reden!

Fotos: pixabay.com